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Der Bürger - auf den Konsument geschrumpft?

Wolfgang Fritz Haug

André Breton hat gemeint, der >einfachste surrealistische Akt< sei, auf die Straße zu gehen und einen X-Beliebigen niederzuschießen. Es geht einfacher. Man muss nur in einen Laden gehen und kaufen, was man nicht braucht.

Vor 35 Jahren fragte ich in der Kritik der Warenästhetik: Wie verändert sich jemand, der fortwährend erhält, was er wünscht - aber es nur als Schein erhält?< Damit war die >unabsehbare Reihen von Bildern< gemeint, die sich herandrängen und >wie Spiegel sein wollen, einfühlsam, auf den Grund blickend, Geheimnisse an die Oberfläche holend und dort ausbreitend, fortwährend unbefriedigte Seiten unseres Wesens aufschlagend. Der Schein dient sich an, als kündete er die Befriedigung an, er errät uns, liest uns die Wünsche von den Augen ab, bringt sie ans Licht auf der Oberfläche der Ware. Indem der Schein, in dem die Waren einherkommen, uns ausdeutet, versieht er uns mit einer Sprache zur Ausdeutung unserer selbst und der Welt. Eine andere, als die von den Waren gelieferte, steht schon bald nicht mehr zur Verfügung.<

Wie also verändert sich so jemand? Ist die Kaufsucht, auf die der Titel der Philosophietage, >Ich kaufe, also bin ich<, anspielt, eine Folge? Oder ist das die Satire auf den Rest von Selbstvergewisserung, dem die Kaufkraft gewährt? Hat nicht die Ökonomie, die wir den Kapitalismus nennen, jene Selbstermächtigung des bürgerlichen >Privatmanns< ad absurdum geführt, die vor dreieinhalb Jahrhunderten René Descartes auf den Satz >Ich denke, also bin ich< gebracht hat? Zusammen mit der Klasse der unabhängigen Unternehmer-Produzenten ist der sein Wort politisch zur Geltung bringende Citoyen im Schatten der transnationalen Konzernriesen mit ihren Angestelltenheeren bis auf einen schütteren Rest auf den >Konsumenten< geschrumpft. Der Vorgriff auf eine solidarisch-kooperative Gemeinwirtschaft, den die Arbeiterbewegung einmal verwirklicht hatte, ist kraftlos geworden. Auf andere Weise als diejenigen, die ihr Geld für sich arbeiten lassen, sind auch die meisten derjenigen, die für Geld arbeiten müssen, in die Privatisierung geworfen, aus der sie nach Kräften das Beste zu machen versuchen.

So kam es, dass dem Mainstream der Schein zum Accessoir des Lebensstils geworden ist. Je weniger Identität aus dem Handeln in Gesellschaft erwächst, je weniger die Anerkennung aus dem Können kommen kann, desto mächtiger wirken die ästhetischen Inszenierungen und Inszenierungsmittel der Warenwelt.

Konsumverweigerer, wohlmeinende Theologen und allerlei Psy-Industrielle haben sich nun des Themas angenommen, dies just zu einer Zeit, in der die Zahl derer, bei denen es bis zum Monatsende nicht oder kaum zum Nötigsten reicht, bedrohlich angeschwollen ist – wenn auch nicht so stark wie die Vorstandsgehälter der Wirtschaft. Ein Buch, das unterm Titel >Ich kaufe, also bin ich< ins Deutsche übersetzt worden ist, warf zusätzliches Holz ins Redefeuer. Ein frischgebackener Buddhist entnahm ihm prompt das Stichwort, das allgemeine Loslassen all dessen zu predigen, wonach uns der Sinn steht und was unser Herz begehrt. Dieses öffentliche Diskursgeschwirr ist die neueste Form eines Allzeitthemas, das in immer neuen Avataren auftaucht: Sich aus der allzu engen Umarmung der Frau Welt zu befreien, in allem Maß zu halten, den Sinn nicht zu vergessen, abzulassen von dem dummen Zeug.

Solche Moralisierung spielt das Spiel mit, weil sie die bedrängten Individuen noch einmal bedrängt, indem sie die privatisierten ins Innere wirft. Doch unsere Bedürfnisse sind eine abhängige Variable unserer gesellschaftlichen Bewandtnisse. Statt zum Loslassen und Entsagen sollten wir einander zum wirklichen Ein- und Zugreifen ermutigen.