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Kaufen, Gesundheit und menschliche Würde

Oskar Negt

Ein früherer deutscher Wirtschaftsminister hat einmal gesagt, die Menschen sollen Tag und Nacht einkaufen können. Das würde dann einen Konjunkturanschub geben. Er hat dies dann am nächsten Tag korrigiert. Doch die eigentliche Frage ist: Wie überhaupt so etwas in einen Kopf kommen kann? Und weiter gilt zu fragen, was eine solche Entwicklung für das Gut Gesundheit bedeutet. Ist Gesundheit kaufbar geworden? Hat das Thema „ich kaufe, also bin ich“ nun seine materielle Basis erreicht, indem unser Dasein als gesunder Mensch Ergebnis einer Kette von Kaufakten geworden ist? Im amerikanischem Gesundheitssystem haben in den vergangenen zehn Jahren die Steigerungsraten sechshundert Prozent erreicht – ein ökonomisch beeindruckender Wert, doch wohl entstanden auf der Grundlage einer “krank“machenden Gesellschaft. In Deutschland wiederum haben wir seit vielen Jahren den geringsten Krankenstand körperlicher Art – der sozialpsychiatrische Bedarf aber, der hat sich in derselben Zeit verzehnfacht. Menschen betreiben also in einem hohen Masse Selbstausbeutung.

Es scheint mir klar, dass die Mittel zur Behandlung solcher krank machenden Sekundärfolgen einer Gesellschaft nicht eine Frage des Gesundheitssystems sein können. Kein Arzt kann alles heilen. Kein Pädagoge kann Kinder, die unter schlechten Bedingungen aufwachsen, so einfach zu kreativen Menschen machen. Jedenfalls nicht in dem verlangten Tempo. Die Grenzen der Heilbarkeit und der Erziehung müssen also deutlicher sichtbar werden. Im Augenblick verdrängt dies die Gesellschaft. Selbst Soziologen nehmen das Wort “Gesellschaft“ nur noch selten in den Mund. Sie sehen keine Gesellschaft, sie sehen nur Menschen. Dies heißt für mich die völlige Individualisierung, so als ob die Gesellschaft nur die Summe der Einzelnen sei.

Doch ich glaube deshalb, dass der Begriff ’Gesundheit’ umfassend gedacht werden muss – Gesundheit nicht nur im körperlichen Sinne. Natürlich, wenn man sich verletzt hat, wird einem das von der Versicherung bezahlt. Aber zum Beispiel sozialpsychologische Probleme, die möglicherweise durch intensive Beratungstätigkeit gelöst werden können, bevor sie einen Knoten bilden, der dann viel zu lange entzerrt werden muss, sollten genauso fokussiert werden. Dass die Menschen in ihrer ganzheitlichen Verfassung versorgt werden, halte ich für ein Element des Kostensparens.

Doch diese Ganzheit kollidiert mit einer aktuellen Verschiebung des Menschenbildes. Eigentlich sei der richtige Mensch Unternehmer, unternehmerisch tätig, und wenn er das tue, gewinne er auch wieder Autonomie und komme aus dem Betreuungsverhältnis heraus, das dem Staat zugeordnet ist. Das bedeutet nichts anderes: Der Mensch wird in seiner Struktur auf die Augenhöhe des Unternehmers gehoben und damit aufgewertet. Die Differenz wird aber verschleiert, nämlich ob einer Kapital besitzt oder nur ein einziges Kapital hat – seine eigene Arbeitskraft. Marx hat davon gesprochen, dass der Arbeiter nur ein Arbeitskraftbesitzer ist. Diese Ideologie des Menschen als unternehmerisch Tätiger spielt heute in allen Formen von Reform eine Rolle. Jeder kann und soll seines Glückes eigener Schmied sein – in eigener Verantwortung. Ich aber glaube, dass das Menschenbild, das wir verteidigen sollten, etwas damit zu tun hat, dass der Mensch autonomiefähig ist, aber nicht autonom. Dadurch gewinnt der Mensch seine Würde.