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Atelier 1: Wir wohnen alle am selben Ort

Utopien sind Entwürfe einer wünschenswerten Gemeinschaft, die so noch nicht existiert, aber existieren könnte, wenn das Bestehende Schritt für Schritt verändert wird, bis die utopisch projektierte Zukunft in die Wirklichkeit überführt ist. Utopien mobilisieren das Hoffnungspotenzial und erinnern daran, dass es an uns liegt, an jedem und jeder Einzelnen, unsere Kräfte aufzubieten, um das Leid in der Welt zu verringern. Wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, in der Hoffnung, dass sich alles schon von selbst zum Guten wenden wird, dann ist diese Hoffnung nur ein Alibi für Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, mangelndes Engagement. Diese auf einer falschen Hoffnung beruhenden Einstellungen können wir uns ebenso wenig leisten wie ein Nichtstun aus Hoffnungslosigkeit. Wir sind es nicht nur uns selbst, sondern vor allem den Kindern dieser Welt schuldig, alles zu tun, um ihnen eine sinnvolle Zukunftsperspektive zu eröffnen und ein Leben zu ermöglichen, in welchem die Gefährdetheit durch Kriege und Atomwaffen, durch Schadstoffe in Wasser, Luft und Erde nicht noch zunimmt, sondern schrittweise reduziert wird. Wir müssen heute darauf hoffen, dass die moralische Urteilskraft den Mensch und Natur zerstörenden blinden Machtwillen in Schranken hält. Aber wir dürfen dies nur hoffen, wenn jedes Individuum — ob mit oder ohne Gottvertrauen — zugleich das Seine dazu beiträgt, Vernunft zu praktizieren, indem es in seinem Lebensbereich für das sorgt, was es sich im Großen erhofft: Friede mit sich, den Mitmenschen und der Umwelt durch Gewaltverzicht, Konsumeinschränkung und Solidarität.

Annemarie Pieper, 2009

 

Man versteht von schwarzen Löchern im All nur so viel, wie man davon weiß, also sprachlich beschreiben kann. Von vielen Dingen im Universum haben die Zeitgenossen nicht die blasseste Ahnung. Was es überhaupt alles gibt, das weiß der Mensch nicht. Was er aber gar nicht kennt, davon weiß er auch nicht, ob es ist, ob es überhaupt etwas zu verstehen gibt. Doch soweit man die Dinge des Universums kennt, so weit lassen sie sich sagen. Damit gelangt Gadamer zu seinem berühmtesten Satz in Wahrheit und Methode: »Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.« (Wahrheit und Methode, 470)

In der Sprache eröffnet sich damit nicht nur alles, was ist, vielmehr zeigt sich alles, was ist, in seinem Zusammenhang Der Schmetterling, der in die sommerliche Natur gehört. Schmetterling, Sommer und Natur aber vereinen sich gemeinsam in der Welt, auf die der Mensch blickt. Das Tier hat keine solche Welt, weil es in seine unmittelbare Umwelt fest eingebunden ist. Der Mensch jedoch blickt über seine unmittelbare Umwelt hinaus auf eine Welt, die sich in der Sprache eröffnet. »Sprache haben bedeutet eben eine Seinsweise, die ganz anders ist als die Umweltgebundenheit der Tiere. Wer Sprache hat, hat, die Welt.« (WM, 457)

In der Sprache entsteht die Vision vorn Ganzen der Welt bzw. die Idee ihrer Einheit, während seine Sinne dem Menschen nur einen beschränkten Horizont eröffnen würden. Die Sprache wäre in den Worten von Karl Jaspers das Umgreifende, das die Menschen letztlich befähigt, in einer gemeinsamen Welt zu leben, die die Kommunikation primär ermöglicht, nämlich im konkreten Gespräch als die Voraussetzung für jede Form von Kooperation.

Hans-Martin Schönherr, 2008

 

Annemarie Pieper und Hans-Martin Schönherr im Gespräch! „Wohin gehen wir? Philosophische Topographien“ und „Wo bin ich zuhause? Identitäten in der technischen Welt“ sind ihre Themen an den Bieler Philosophietagen.

Annemarie Pieper setzt der Bequemlichkeit der sattsam Installierten ein utopisches Hoffen entgegen. Sie fordert ein Bewusstsein für die Zukunft unseres gemeinsamen Wohnorts, der Welt. Wenn wir den Dingen nicht ihren (schlechten) Lauf lassen wollen, müssen wir wegkommen von einem Fatalismus, der unsern globalen Wohnraum gefährdet. Pieper appelliert an die Vernunft jedes Einzelnen, an das individuelle Engagement. Hoffnung lebt ihrer Meinung nach durch eine Praxis, die im grossen Hause für Ordnung sorgen soll.

Nur so entsteht in den beschädigten globalen Räumen ein Recht auf Hoffnung.

Hans-Martin Schönherr skizziert am Beispiel von Gadamer, dass die Sprache Voraussetzung ist für ein Leben in der ganzen Welt. Sprache eröffnet erst den Zugang für ein Verständnis der notwendigen globalen Kooperation. Wer in der Welt wirkend leben will, braucht Kommunikation. Ohne sie liessen sich Utopien (Pieper) nicht einmal denken.

Doch es stellen sich Fragen: Kann die „moralische Urteilskraft“ einem blinden Machtwillen gegenübergestellt werden? Stehen nicht hinter dem Willen zur Macht auch Menschen, gar „aufgeklärte“, die für sich behaupten rational zu handeln? Kann eine globale Vernunft postuliert werden oder erstickt diese Utopie in verschiedenen Vernunftgebräuchen, Vernunftzusammenhängen, die den Blick aufs Ganze in ihrer täglichen Anwendung immer wieder verstellen? Und: Ist „Sprache“ eine „ideologiefreie“ Fähigkeit oder transportiert sie in ihrer jeweiligen historischen Gewachsenheit ein jeweiliges Welt-Haben, das mit anderen Formen des Weltverständnisses nur beschränkt einhergeht? Wer sorgt im weltweiten Haus für gemeinsames Verstehen? Können wir die Bewohner unseres Planeten mit Familienmitgliedern vergleichen, die lediglich zu verstehen und zu wollen haben? Wer sind „wir“ und wie machen wir uns den Anderen verständlich? Und schliesslich: Wann und unter welchen Bedingungen sind Menschen bereit, ihr Tun als Handeln im gemeinsamen Haus zu verstehen? – Vielleicht hilft nur ein Lernen angesichts des drohenden Einsturzes desselben. Oder wie es die Macher des Ökofilmes HOME (2009) gesagt haben: „Es ist zu spät, um pessimistisch zu sein“. – Wir sind gespannt auf die Referate und das Atelier mit Annemarie Pieper und Hans-Martin Schönherr.

Markus Waldvogel