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Wo bin ich zuhause? Identitäten in der technischen Welt

Hans-Martin Schönherr-Mann

Man kann auch auf den Flugplätzen der Welt zuhause sein. Viele Menschen verfügen aber noch über ein festes Dach über dem Kopf, mit einer Einrichtung, durch die Adalbert Stifter die Identität seiner Protagonisten beschreibt. Dieses Dach muss sich an einem Ort befinden, besitzt eine Umgebung, wo man sich gelegentlich aufhalten kann, beispielsweise, die Plätze und Parke in der Nachbarschaft, die Cafés, Bars, Restaurants, die Sportstätten, Läden, Ämter. Ein Arbeitsplatz gehört nicht unbedingt dazu. Besonders technisch muss diese Welt des Wohnorts nicht sein. Daher wird in ihr noch gelegentlich unter vier und mehr Augen kommuniziert, bestimmt sich das Ich noch durch den Blick in den Spiegel.

Der Schritt darüber hinaus gleitet direkt in die technische Welt, zunächst in die öffentlichen Verkehrsmittel, an die die Wohnung gut angebunden sein sollte. Zur Wohnung gehört für die meisten indes auch ein Parkplatz für das Auto, das ebenfalls geschwind die großen Verkehrsadern erreichen sollte. Sie ermöglichen Begegnungen unter vier und mehr Augen in der ganzen Welt, vervielfältigen somit die Orte der Begegnung, befreien zugleich von der Ortsgebundenheit. Man wird Weltbürger, aber einer globalisierten technischen Welt, nicht mehr im Bewusstsein selbst.

Das Auto selbst wird für viele zum Teil der Wohnung, wird entsprechend eingerichtet, verbringen viele in ihm einen Großteil ihrer Zeit. Diese erweiterte Wohnung wird beweglich, der Wohnort mobil, was den Menschen ein technisch gestütztes, nomadisches Selbstbewusst-sein nahe bringt, ihr Dach über dem Kopf in den Hintergrund treten lässt. Es gibt ja immer noch die Frage: Zu Dir oder zu mir? Doch zunächst suchen viele immer noch sich, wenn sie ihr Auto suchen.

Zur Wohnung gehört indes zwischenzeitlich auch die Anbindung an das www, indem viele Menschen sehr viel Zeit verbringen, was sie indes längst nicht mehr nur von zuhause aus tun, sondern mit dem Laptop überall oder vom Internetcafé. Hier findet in der Tat nicht bloß ein Second Life statt, sondern längst ein virtuelles Leben, das das Leben jenseits des virtuellen Raumes nachhaltig prägt, vor allem das Welt- und Selbstverständnis der Zeitgenossen, das sich bildlich generiert und dadurch dem Leben einen bildlichen Sinn verleiht.

www und Telefon eröffnen neue Möglichkeiten der Kommunikation. Man kann miteinander reden, ohne einander zu sehen – und das auch von zuhause, das zugleich überall auf der Welt sein kann. Man kann unglaublich schnell Briefe austauschen. Man kann im Chatroom under cover kommunizieren. Es gibt also nicht nur die Möglichkeit der Identitätssimulation, sondern vor allem der rein stimmlichen Repräsentation. Das Hören und das Sehen treten telefonisch auseinander, was das Bildtelefon nicht unbedingt wieder zusammen bringen wird. So wohnt man nicht nur im Netz, sondern im Äther selbst, redet man nicht mehr nur unter vier oder mehr Augen, sondern gesichtslos, was auch Chancen birgt.

Doch durch www und Telefon, wie auch durch Funk und Fernsehen bricht die Welt in die Heimlichkeit des Daches über dem Kopf, gleichgültig ob es sich dabei um ein Haus oder ein technisches Gerät zur Fortbewegung handelt. Nicht nur dass man zuhause ständig alles er-fährt, sieht und hört. Man wird auch verfügbar für die Welt. Diese Verfügbarkeit bestimmt längst die Identität, nicht weil es sich um einen Zwang handelt, sondern um einen Wunsch. Dann ist man nicht nur außer sich, nicht bei sich, selbst wenn man bei sich ist, nicht mal dort, wo man sich sucht. Man verliert sich und sein Dach über dem Kopf, doch weil man es wünscht.