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Atelier 3: Theorie der Unbildung oder die Bildungsreform frisst ihre eigenen Kinder

Atelier mit Konrad Paul Liessmann

„Bildung wurde zur Ideologie säkularer Gesellschaften, die weder auf religiöse Transzendenz noch auf revolutionäre Immanenz setzen können; Bildung war so von Anfang an ein Motor für die Modernisierungsschübe, gleichzeitig aber auch ein falscher Trost für die schamlos so genannten Modernisierungsverlierer, die weil ohne Bildung, damit auch an ihrem Schicksal selber schuld waren; Bildung fungiert als Stimulus und Beruhigungsmittel in einem: Sie mobilisiert die Menschen und hält sie, als permanentes Versprechen für bessere Zeiten, das als drohender Imperativ wirkt, gleichzeitig davon ab, sich zu mobilisieren; Bildung darf gar nicht gelingen, weil dann ihre Beschränktheit deutlich würde: Sie taugt nicht zur Kompensation verlorener Utopien, und sie ist schon gar kein Garant für das reibungslose Funktionieren effizienzorientierter Ökonomien.“

Liessmann, Theorie der Unbildung, S. 50

Die zunehmenden Kontrollmechanismen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich gaukeln aber gerade das vor: Bildung soll der Wirtschaft zudienen. Die daraus folgenden Kontrollen, die unter dem Stichwort Qualitätssicherung durchgeführt werden, sind aber kontraproduktiv, weil sie zu gut funktionieren. Die "Kontrollgesellschaft", deren Pointe darin besteht, dass dadurch gekennzeichnete Organisationen Kontrolle nicht als externe Macht, sondern als interne Leistung verstehen, verführt ihre Mitglieder dazu, sich ständig für Kontrollen zu optimieren, und dies bedeutet: man arbeitet nicht für die Sache, sondern für die Kontrolle.

Was bedeutet das für die momentane Situation in Schulen, Hochschulen und Bildungsverwaltung? Werden die motiviertesten Pädagogen bedrängt und verdrängt? Bedeutet Bildung nur mehr Zurichtung für den Betrieb, die Firma? Verschlingt die Kontrollmaschinerie jene Millionen, die für Integration oder Individualisierung dringend notwendig wären? Stirbt schliesslich die Allgemeinbildung (die Bildung überhaupt)?

Mit derartigen Fragen beschäftigt sich das Atelier mit K. P. Liessmann, durchaus auch hinsichtlich der Situation in der evaluationsfreudigen Schweiz.

Moderation: H.J. Ammann