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Ekkehard Martens: Ist Neugier kontrollierbar?

Gier hat gegenwärtig einen besonders schlechten Ruf. Nicht nur die „Gier der Banker“, sondern jede Art von Gier soll Schuld haben an der weltweiten Finanzkrise, Umweltkrise, Machtkrise oder Wertekrise. Sie gilt Schlüssel zu allem und jedem und bedarf, so ist man weithin überzeugt, dringend der Kontrolle. Nach dem weltweiten Finanz-Crash von 2008 soll die Geldgier der Banker kontrolliert werden, die Gründung der Vereinten Nationen soll die Machtgier der einzelnen Staaten kontrollieren, seit der Entdeckung der Kernspaltung soll die Kontrolle der wissenschaftlichen Neugier in der Grundlagenforschung mögliche gefährliche Folgen verhindern, und schließlich soll die Freiheit von Forschung und Lehre als bestenfalls unnützer Luxus eingeschränkt werden. Auch die philosophische Neugier steht seit der Hinrichtung eines Sokrates auf der Kontrollliste der Mächtigen und aller, die sich von ihr in ihrer Sicherheit und Selbstsicherheit bedroht fühlen. Man ist sich aber nicht einig, wie eine Kontrolle der Gier aussehen und wie sie durchgeführt werden könnte. Schon gar nicht ist man sich im Klaren darüber, was Gier eigentlich ist und wert ist. Wovon ist die Rede, wenn eine Kontrolle der Gier gefordert wird?

Wir können auf die Phänomenbeschreibung des Bankers Gekko aus dem Film „Wall Street“ zurückgreifen. Nach ihm umfasst das Phänomen Gier unterschiedliche Facetten wie „Gier nach Leben, Geld, Liebe, Wissen“. Zu ergänzen wäre etwa noch die von Kant erwähnte „Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen“. Gemeinsam ist ihnen das Immer-mehr-haben-Wollen, griechisch die pleonexia, wie sie Aristoteles in der Nikomachischen Ethik (V 1-2) phänomengerecht analysiert. Gier ist unersättlich und grenzenlos. Die Grenzenlosigkeit der Gier macht ihr Wesen aus. Wenn wir Gier aber vor lauter Bedenken und Angst bereits vorher begrenzen und kontrollieren, können wir nicht wirklich erfahren, was an Wissen, Leben, Geld, Liebe oder Macht eigentlich alles möglich ist.

Auf Neugier können wir zu unserem eigenen Schaden nicht verzichten, auf ihre Zügelung oder Kontrolle ebenfalls nicht. Ihre überängstliche Beschränkung aber wäre keine Neugier mehr. Das kreative Neugierverhalten ist grenzenlos, die Vorsicht aber muss begrenzt sein. Neugier und Kontrolle gehören zusammen, stehen aber in einem asymmetrischen Verhältnis zueinander: So viel Neugier wie möglich und so wenig Kontrolle wie nötig. Die beiden menschlichen Triebfedern der Neugier und der Angst müssen vielmehr ständig neu austariert werden. Dabei ist statt Fremd- Selbstkontrolle zu empfehlen, eine Kontrolle oder kritische Prüfung der Kontrolleure. Grundsätzlich aber brauchen die Bürger und Privatpersonen unserer Kontrollgesellschaft nicht noch mehr Kontrolle, sondern mehr Neugier und mehr selbstkritische Prüfung, was uns gut tut.