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Das göttliche Gesicht der Ökonomie

Gibt es ein göttliches Gesicht der Wirtschaft? Ähneln die über den Konsum vermittelten Werte einer theologischen Heilsbotschaft? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt dieses Ateliers, das den Philosophen und Autor der "Kritik der Warenästhetik" (1971) Wolfgang Fritz Haug und die Unternehmerin Doris Aebi zusammenführt.

Eine annähernd religiöse Vermittlung des Konsumerlebnisses zeigt sich einerseits in der Architektur der Konsumtempel und Banken, deren Vorhallen und Lichträume zwingend an Kirchen erinnern. Fussballstadien und Einkaufszentren werden oft als Tempel bezeichnet. Ist die Ökonomie eine säkularisierte Gotteslehre?

Die Heilsbotschaften der Konsumgüter werden auch häufig von Idolen der globalisierten Film-, Sport- und Musik-Kultur überbracht. Dabei umhüllt ein Hauch von Exotik, Erotik und Internationalität immer mehr auch banale Alltagswaren. Waren früher als Werbeträger die idealisierte Hausfrau, der "toughe" Unternehmertyp, der Durchschnittsmann/die Durchschnittsfrau gefragt, so finden sich heute vermehrt Stars wie Emmanuelle Béart und Madonna in H&M-Unterwäsche, Roger Federer als Parfümmarke oder Anastacia in der Herbst-Kollektion eines Modedesigners. Der Schein eines unbekümmerten Konsumierens fernab von Fragen nach den Folgen der Produktionsweise und der Umweltzerstörung bleibt gewahrt. Auf der anderen Seite nehmen die Skandalgeschichten des undurchsichtigen Öko- und Sozialdumpings, das die Produktionsverlagerung nach China mit sich bringt, zu (z.B. Spielwarenkonzern Mattel). Das sei halt eine Frage des Restrisikos, wird beschwichtigt.

Zum göttlichen Gesicht der Wirtschaft gehören auch die karitativen Entlastungsfunktionen ihrer Führer: Konzernleiter gründen gemeinnützige Stiftungen und versehen sich öffentlich mit Gutmensch-Attributen. Das direkte ethisch-ideelle Engagement dieser ständig reicher werdenden Konzernleiterschicht wird zu einem medial wirksamen Kompensationsakt, welcher die längstens in die Privatsphäre gedrängte Sinndiskussion unseres globalisierten Kampfes um Marktanteile gänzlich zu verdrängen scheint.

"In God we trust" steht auf der Dollarnote. In unserem Atelier suchen wir nach einer Antwort auf die Frage, wie der ersatzreligiöse Schein der Konsumgüterwirtschaft einem Vertrauen und allgemeinen Bewusstsein über die Endlichkeit der Ressourcen und der Wahrung von Kultur und Natur weichen könnte.


Teilnehmende: Wolfgang Fritz Haug (Philosoph) und Doris Aebi (Unternehmerin und Vizepräsidentin Migros-Genossenschaftsbund)

Moderation: Raimund Rodewald (Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz) und Hans J. Ammann (ehemaliger Theaterdirektor Biel/Solothurn)