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Wohin gehen wir? Philosophische Topographien

Annemarie Pieper

 

Wohin wir gehen, hängt davon ab, woher wir kommen. Platon beschrieb verschiedene Aufenthaltsorte für den Menschen. Wir leben in unserem Körper wie in einer Höhle, die wir verlassen müssen, wenn wir dorthin gelangen möchten, wo die Seele ihre Heimat hat: zu den Ideen. Von dort führt der Weg zu den Inseln der Seligen, dem endgültigen Ankunftsort nach dem Tod für diejenigen, die tugendhaft gelebt haben. Der Gegenort ist der Tartaros, den die unverbesserlich Schlechten nie mehr verlassen können. Die christlichen Philosophen verwandelten Uranos und Tartaros in Himmel und Hölle, setzten an den Anfang des Wegs jedoch das Paradies, aus dem die ersten Menschen nach dem Sündenfall vertrieben wurden, ohne die Möglichkeit einer Rückkehr.

Die Wege zwischen Ausgangsort und Endstation hängen von der Wahl der Orte ab. Der Mensch als das „nicht festgestellte Tier“ (Nietzsche) wird nicht von der Evolution auf den Weg geschickt, so dass er sich von den Kausalketten treiben lassen kann, sondern er bestimmt seine Ziele selbst. Es liegt an ihm sich zu entscheiden, wohin er aufbricht, wo er sich aufhält, und aus welchen Gründen er geht oder bleibt. Aus existenzphilosophischer Sicht ist der Mensch ortlos; er kommt nie endgültig an — wie Camus’ Sisyphos, der sich unaufhörlich im Kreis bewegt. Der ortlose Mensch hat seinen Ruhepol in sich selbst. Er kennt seinen Ursprung und sein Ziel, und sein Wille ist der Motor, der Kopf, Herz und Bauch — Vernunft, Gefühle und Affekte — mobilisiert. Insofern ist Novalis zuzustimmen, der auf die Frage „Wohin gehen wir?“ geantwortet hat: Immer nach Hause.